Hinweis: Die türkische Originalfassung dieses Artikels wurde erstmals am 30. Juni 2012 auf Bianet veröffentlicht.
Angenommen, Sie verlieben sich. Wie würden Sie das beschreiben? Wenn Sie den Begriff „Liebe“ im Internet suchen, stoßen Sie auf unzählige Definitionen und Beschreibungen. Jeder versucht, die Liebe aus der eigenen Erfahrung heraus zu erklären: „Man verliert den Boden unter den Füßen“, „Man kann an niemanden sonst mehr denken“, „Man verliert den Appetit“, „Man würde Berge versetzen und Wüsten durchqueren“, „Unerfüllte Liebe ist die wahrhaftigste Liebe“ … Sogar Informationen und Schemata zu den „biochemischen Grundlagen der Liebe“ lassen sich im Internet finden [1].
Doch kann die Liebe, die im Wörterbuch als „ein intensives Gefühl der Zuneigung und Hingabe“ definiert oder über chemische Symptome erklärt wird, jemals das eigentliche Gefühl des Verliebtseins vermitteln? Geht diese Beschreibung nicht noch weit über den Versuch eines Blinden hinaus, einen Elefanten zu beschreiben?
Oder nehmen wir an, Sie leiden an Höhenangst. Wie könnten Sie diese Angst jemandem erklären, der keine Höhenangst kennt? Wenn diese Person diese Angst nicht teilt, bleibt Ihnen als einziger Weg, sie über deren eigene Ängste verständlich zu machen. Wie sonst könnte dieses Gefühl, diese spezifische Angst, in Worte gefasst werden?
Und wie erklären Sie etwas, das Ihr Gegenüber noch nie erlebt hat, nicht einmal in einer ähnlichen Form? Gab es nicht schon Situationen, in denen Sie Schwierigkeiten hatten, etwas zu erklären, und das Unterfangen schließlich ganz aufgegeben haben?
Jacques Lacan verwendet den Begriff des Realen (le Réel), um dasjenige zu bezeichnen, was sich nicht symbolisieren lässt. Hierbei ist „das Reale“ nicht im Sinne der alltäglichen „Realität“ zu verstehen. Vielmehr ist das Reale einer der drei Bereiche von Lacans Triade: das Imaginäre, das Symbolische und das Reale [2]. Als eine Ebene des Seelenlebens ist es „gewissermaßen das Unbekannte, das auf uns wartet, das uns immer voraus ist, das nicht benannt, nicht symbolisiert und nicht imaginiert werden kann“ [3]. Mit anderen Worten: Das Reale ist dasjenige, das kein Bezeichnetes hat; es existiert als reiner Signifikant.
Kann Lacans Konzept des Realen auch als Instrument dienen, um die Erfahrung der Haft verständlicher zu machen? Ist die Haft selbst Teil des Realen? Kann insbesondere die Haft unter den Bedingungen der Isolation [4], die eng mit „sensorischer Deprivation“ und „Wahrnehmungsentzug“ verbunden ist, als Reales begriffen werden? Lässt sich die Erfahrung in den auf Isolation ausgerichteten F-Typ-Gefängnissen [Hochsicherheitsgefängnisse mit Einzel- und Dreipersonenzellen in der Türkei], die am 19. Dezember 2000 durch eine blutige Operation unter dem Namen „Rückkehr ins Leben“ durchgesetzt wurden und im anschließenden Todesfasten-Widerstand 122 Menschen das Leben kosteten, aus der Perspektive des Realen neu betrachten?
Die Haft und die Isolation als unbeschreibbare Erfahrung

Lässt sich Haft überhaupt beschreiben? Lässt sich Haft, insbesondere unter „harten Bedingungen“, in Worte fassen? Kann ein Mensch die erlittene Folter überhaupt in Worte fassen und anderen verständlich machen? Wenn Haft und Folter selbst das Thema sind, wird die „Unzulänglichkeit der Worte“ dann nicht noch offensichtlicher? Für jemanden, der mit dem Gefängniswesen nicht vertraut ist, mag Haft so klingen: „Man wird zwischen vier Wände gesperrt, sitzt seine Strafe ab und kommt wieder heraus.“ Selbst für jemanden, der die Gefängnisse in der Türkei kennt, bedeutet Haft vielleicht: „Man wird weggeschlossen und ist möglicherweise auch ‚Schikanen‘ ausgesetzt, schließlich ist man im Gefängnis.“
Aber wie lässt sich das Gefühl beschreiben, nicht für einen Tag, einen Monat oder ein Jahr, sondern über Jahre hinweg eingesperrt zu sein? Oder wie lässt sich Folter in Worte fassen? Was fühlt man, wenn die Hoden gequetscht werden, was passiert bei Stromschlägen, welche Gefühle löst es aus, wenn vor den eigenen Augen jemand gefoltert wird? Dies sind Erfahrungen, die selbst von den Betroffenen meist nicht verarbeitet werden können, deren Auswirkungen sich zwar beobachten lassen, die sich selbst aber einer Beschreibung entziehen.
Wenn Überlebende gebeten werden, über diese und ähnliche Erfahrungen zu sprechen, begegnet man häufig solchen Äußerungen:
„Gab es in dieser Zeit konkrete Praktiken oder Vorfälle, die Sie miterlebt oder erlitten haben?
Was wir erlebt haben, waren keine isolierten Einzelvorfälle. Wir sprechen von einer ununterbrochenen Brutalität. Folter so zu beschreiben, dass man sagt: „An jenem Tag passierte dies, am nächsten Tag jenes“, mag im Kopf des Zuhörers oder Lesers vielleicht ein paar schreckliche Bilder wecken. Aber diese endlosen Minuten, diese Tage, Monate und Jahre, die nicht vergehen wollten, lassen sich nicht einfach mit den Worten „Ich habe dies gesehen“ oder „Ich habe jenes erlebt“ vermitteln. Manche haben darüber geschrieben. Aber wie viel kann man schon schreiben? Alles Geschriebene bleibt unzureichend!
Selbst das Zuhören bei den Berichten über die Zeit nach dem 12. September [dem Militärputsch von 1980] und speziell über dieses Gefängnis [das Gefängnis von Diyarbakır] fällt den Menschen sehr schwer.
Sie haben recht, dass es Ihnen schwerfällt. Auch mir fällt es schwer, darüber zu sprechen und zu schreiben.
Konnten Sie das Erlebte nach Ihrer Entlassung mit Ihren Angehörigen teilen?
Nur ganz selten … Ein Albtraum lässt sich nicht wirklich teilen. [5]“
J. D. Nasio, ein Schüler Lacans, zieht bei der Erklärung des Realen das Beispiel eines Albtraums heran. Er beschreibt jemanden, der nachts aus einem schrecklichen Albtraum erwacht und am nächsten Morgen versucht, das Erlebte zu erklären:
„Ich erinnere mich, als Kind eine ähnliche Angst und ein ähnliches Entsetzen verspürt zu haben, als ein Schatten an den Wänden meines Zimmers hochkletterte.“
Laut Nasio ist „das Reale genau die Natur der Angst, der eigentliche Stoff des Gefühls“. Es ist ein emotionaler Zustand, den wir vierzig oder fünfzig Jahre später genauso erleben wie in der Kindheit – ein unauslöschlicher und unveränderter Zustand. Es ist „derjenige Teil unserer psychischen Welt, der sich im Laufe der Zeit nicht verändert hat“ [6].
Die hier erlebte Angst, das Gefühlte, kann nicht unmittelbar ausgedrückt werden, sondern wird über den Verweis auf eine frühere Erfahrung erklärt. Das Reale lässt sich weder aussprechen noch symbolisieren. In der symbolischen Ordnung gibt es keinen Platz für das Reale. In dem Moment, in dem man etwas symbolisiert, hört es auf, real zu sein.
Wenn es sich bei dem Erklärungsversuch nicht um Haft im Allgemeinen, sondern um die Isolation als deren extremste Form handelt, wird das Unterfangen noch aussichtsloser. Gefangene, die jahrelang in Isolationszellen verbrachten und gebeten wurden, die Isolation zu beschreiben, betonen immer wieder: „Isolation lässt sich nicht beschreiben.“ Stattdessen versuchen sie, sie über ihre Folgen zu erklären [7].
Gefangene, die berichten, dass langandauernde Isolation zu psychischer und physischer Zerstörung führt, tun sich schwer zu erklären, wie diese Zerstörung genau abläuft. Vereinfacht lässt sich das entstehende Bild so zusammenfassen: Es gibt eine Schachtel, die denjenigen, der hineingesteckt wird, krank macht und sein körperliches wie psychisches Gleichgewicht zerstört. Da Menschen, die diese Schachtel gesund betreten, nach ihrer Entlassung nicht erklären können, was sie darin erlebt haben und wie eine solche Verwüstung entstehen konnte, erscheint diese Schachtel beinahe wie etwas Magisches.
Günter Sonnenberg, der als Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF) verhaftet, in das Zellengefängnis Stuttgart-Stammheim gebracht und dort 16 Jahre lang inhaftiert wurde, sagt über die Isolation:
„Das Problem ist folgendes: Wenn ein Mensch lange Zeit in einem geschlossenen Raum ist, kein Geräusch hört, keinen Menschen sieht, nicht aus dem Fenster schauen kann, also keine Reize wie Töne oder Seheindrücke da sind, dann wird er krank. Denn der Mensch braucht Reize und Gegenreaktionen. Wenn diese fehlen, wird der Mensch isoliert und wird krank.“ [8]
Der Zustand, den Sonnenberg mit dem Fehlen von Reizen beschreibt, ist wissenschaftlich als sensorische Deprivation oder Wahrnehmungsentzug bekannt. Der Mensch kann nur durch seine Sinne und im Zusammenleben mit anderen Menschen existieren. Werden ihm diese Möglichkeiten entzogen, kommt es zwangsläufig zu Störungen. Genau hier wird Lacans Begriff des Symbolischen verständlich. Das „Eine“ kann nicht für sich allein existieren; es bezieht sich immer auf die „Anderen“. Jeder Signifikant erhält seinen Wert erst im Verhältnis zu anderen Signifikanten. Deshalb besteht die symbolische Ordnung aus zwei Einheiten: dem „Einen“ und den „Anderen“ [9]. Zwingt man das „Eine“ zur Isolation, führt man seine Zerstörung herbei:
„Das ist eine Folter. Eine Folter, die keine Spuren hinterlässt. Das heißt, es gibt keine Wunden am Körper. Keine Beweise. Aber der Mensch spürt es. Denn das Bewusstsein löst sich auf. Das Gedächtnis geht verloren. Die Grenze zwischen Realität und Vorstellung verschwimmt, man bringt Realität und Fiktion durcheinander. Unter diesen Bedingungen verlernt der Mensch beispielsweise auch das Sprechen, weil man mit niemandem sprechen kann.“ [10]
Wer mit niemandem eine Beziehung aufbauen, mit niemandem sprechen, niemanden hören oder berühren kann, wendet sich in der Abwesenheit des Anderen sich selbst zu. Den Körper kann man fixieren, doch das Gehirn denkt weiter. Seine Hervorbringungen bleiben jedoch nicht dauerhaft unter Kontrolle und können sich mit der Zeit vollständig der Kontrolle entziehen. Die Erkenntnis, dass langandauernde Isolation zu einem schizophrenieähnlichen Krankheitsbild führen kann, ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung [11].
„Man spricht ständig mit sich selbst. Während man mit sich selbst spricht, glaubt man, tatsächlich mit anderen zu sprechen. Aber das stimmt nicht; man spricht nur in seinem Kopf, merkt es aber nicht. Manchmal wiederholt sich das selbst Jahre später noch. Isolation drängt den Menschen auf sich selbst zurück. Man steht im Mittelpunkt des Angriffs und ist gleichzeitig das Ziel. Es ist extrem schwer, ständig mit dem eigenen Ich konfrontiert zu sein.“(Aus den Schilderungen von Andreas Vogel, einem weiteren Gefangenen in Isolationshaft) [12]
Eines der treffendsten Beispiele für die Unbeschreibbarkeit der Isolation und ihrer Auswirkungen auf den Menschen sind die Briefe von Ulrike Meinhof. Meinhof, eine der führenden Persönlichkeiten der Roten Armee Fraktion, wurde 1972 verhaftet und am 9. Mai 1976, im vierten Jahr ihrer Haft, tot in ihrer Zelle aufgefunden. In einem ihrer Briefe versucht sie, die Isolation wie folgt zu beschreiben:
Eingeschlossen in eine Kugel
16. Juni 1972 – 9. Februar 1973
Das Gefühl, als explodiere der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müsse eigentlich platzen, abreißen).
Das Gefühl, als würde das Rückenmark ins Gehirn gepresst.
Das Gefühl, als schrumpfe das Gehirn ein, wie z.B. Dörrobst.
Das Gefühl, ständig unmerklich unter Strom zu stehen – ferngesteuert zu werden.
Das Gefühl, die Assoziationen werden dir weggeschossen.
Das Gefühl, pisse die Seele aus dem Leib, als wenn man das Wasser nicht halten kann.
Das Gefühl, die Zelle fährt.
Du wachst auf, machst die Augen auf: Die Zelle fährt; nachmittags, wenn die Sonne einfällt, hält sie plötzlich an.
Das Gefühl des Fahrens lässt sich nicht abstreifen.
Du kannst nicht klären, ob du vor Kälte zitterst oder vor Fieber – du frierst.
Um in normaler Lautstärke zu sprechen, muss man sich anstrengen, als müsste man laut sprechen.
Das Gefühl, zu verstummen – die Bedeutung von Worten nicht mehr zu erkennen, nur noch zu raten.
Zischlaute (s, ss, tz, z, sch) sind unausstehlich.
Wärter, Besuch, Hofgang erscheinen vollkommen unwirklich, als Halluzination.
Kopfschmerzen.
Blitze.
Satzbau, Grammatik, Syntax – unkontrollierbar.
Beim Schreiben: zwei Zeilen – am Ende der zweiten Zeile hat man den Anfang der ersten bereits vergessen.
Das Gefühl, von innen zu verbrennen.
Wenn man sagt, was ist oder was sein könnte, das Gefühl, dem Gegenüber kochendes Wasser ins Gesicht zu gießen, kochendes Benzin.
Aggressivität, für die es kein Ventil gibt.
Das ist das Schlimmste.
Das klare Bewusstsein, dass man keine Überlebenschancen hat; das völlige Scheitern, es zu vermitteln.
Von Besuchen bleibt nichts zurück.
Eine halbe Stunde danach kann man nur noch mechanisch rekonstruieren, ob der Besuch heute war oder letzte Woche.
Einmal in der Woche baden heißt: ein Moment des Auftauchens, der Erholung – hält ein paar Stunden an.
Das Gefühl, dass Zeit und Raum ineinander verschmelzen.
Das Gefühl der Entstellung, des Torkelns.
Danach: wahnsinnige Freude, wenn man etwas hört, das an den akustischen Unterschied zwischen Tag und Nacht erinnert.
Das Gefühl, die Zeit fließt weg, das Gehirn dehnt sich wieder aus, das Rückenmark sinkt wieder ab, wochenlang.
Das Gefühl, die Haut sei abgezogen.
Zweiter Aufenthalt im Toten Trakt (Dezember 1973)
Ein Dröhnen im Ohr, man erwacht mit dem Gefühl, geschlagen zu werden.
Das Gefühl, man bewegt sich wie in Zeitlupe.
Das Gefühl, sich in einem Vakuum zu befinden, als sei man in eine Bleikugel eingeschlossen.
Danach: Schock.
Als fiele eine Eisenplatte auf den Kopf.
Vergleiche und Begriffe, die einem drinnen kommen: Psycho-Mühle, Hautstraffung durch Geschwindigkeit, Weltraum-Simulationskapsel, Kafkas Strafkolonie – der Mann auf dem Nagelbett –, ständiges Karussellfahren.
Zum Radio: Minimales Entlastungsgefühl, etwa wie die Verringerung der Geschwindigkeit von 240 km/h auf 190 km/h.
Dass all dies in einer Zelle geschieht, die sich äußerlich nicht von anderen Zellen unterscheidet, verstärkt die Folgen noch und macht eine Kommunikation mit Menschen, die akustische Isolation nicht kennen, unmöglich.
Es verwirrt auch den Gefangenen. (Dass die Zellen weiß sind, also wie Räume in einem Militärkrankenhaus, macht den erfahrenen Terror noch intensiver; aber erst zusammen mit der Stille. Sobald man das merkt, streicht man die Wände.)
Natürlich zieht man in einer solchen Situation den Tod vor.
Nils Milberg, der in einer solchen Zelle (leere Krankenabteilung) in Frankfurt-Preungesheim lag, beschuldigte den Richter, ihn töten zu wollen.
Aber es ist die Ausführung der „Hinrichtung“, der wir drinnen ausgesetzt sind.
Es handelt sich um eine Auflösung von innen heraus – wie Stoffe, die sich in Säure auflösen.
Durch Konzentration auf den Widerstand lässt sich dieser Prozess verlangsamen, aber seine Wirkungen lassen sich nicht vollständig aufheben.
Teil dieser Hinterlist ist es, der Personseinheit beraubt zu werden.
In diesem Ausnahmezustand gibt es niemanden außer dir selbst [13].
Meinhof beschreibt die Isolation nicht unmittelbar, sondern versucht, sie anhand früherer Erfahrungen verständlich zu machen. In ihrer Schilderung verdienen insbesondere die Formulierungen „Auflösung von innen heraus“ und „der Personseinheit beraubt werden“ besondere Aufmerksamkeit. An dieser Stelle lohnt es sich, zu Lacan zurückzukehren.
Nasio erklärt das Symbolische in Lacans Triade anhand des Konzepts des „symbolischen Vaters“ und betont, dass das „Eine“ nicht für sich allein existieren kann:
„Der symbolische Vater ist nicht das symbolische Abbild der väterlichen Autorität, sondern ein spezifischer Signifikant, der dieses Leben ordnet und seine Integrität garantiert. Für Kliniker ist das Konzept des ‚symbolischen Vaters‘ sehr nützlich, um den Mechanismus zu erklären, der zur Psychose führt. Bei dieser Krankheit ist die psychische Gesundheit kollabiert, weil der Signifikant, den man als ‚symbolischen Vater‘ bezeichnet und der das mentale Funktionieren regelt, wie eine Sicherung herausgesprungen ist.“ [14]
Durch den Entzug sensorischer Wahrnehmungen zerstört die Isolation genau jene Ebene, die Lacan als symbolische Ordnung bezeichnet. Dieser Zusammenhang wurde in zahlreichen Experimenten nachgewiesen und ist inzwischen auch in die medizinische Fachliteratur eingegangen. Zu den bekanntesten Untersuchungen zählen die 1954 am Hebb-Laboratorium der McGill-Universität in Kanada durchgeführten Experimente zum Wahrnehmungsentzug [15], die 1971 an der Universitätsklinik Hamburg begonnenen Versuche in einem speziellen Trakt namens „Camera Silens“ [16] sowie die Studien von Jan Gross und Ludvik Svab [17].
In ihrem Beitrag „Auswertung von Experimenten zur sensorischen Deprivation“, den Gross und Svab Anfang der 1950er-Jahre verfassten, gelangten sie unter anderem zu folgenden Ergebnissen:
„Nachdem die Versuchspersonen zu Beginn meist schliefen, verloren sie im Laufe des Experiments das Gefühl der Ruhe und Erleichterung; zudem büßten sie die Fähigkeit zum kontrollierten Denken ein. Ihre Stimmung schwankte zwischen Apathie, Reizbarkeit und Beklemmung. Gleichzeitig traten Unruhe, Müdigkeit und Kopfschmerzen auf.“
„Obwohl ihnen eine höhere Vergütung zugesagt wurde, erwiesen sich die Versuchspersonen nicht in der Lage, die Experimente um weitere zwei bis drei Tage zu verlängern. Für einige Versuchspersonen war der Aufenthalt unter den Testbedingungen sogar so unerträglich, dass die geplante psychologische Analyse vorzeitig abgebrochen werden musste.“ [18]
Alle diese Experimente verdeutlichen die zerstörerische Wirkung des Wahrnehmungsentzugs auf den Menschen und bestätigen Lacans These, dass das „Eine“ nicht isoliert existieren kann. Gerade diese Besonderheit unterscheidet die Isolation von anderen Formen der Haft und macht sie zugleich so schwer beschreibbar und verständlich. Sie stellt einen Zustand dar, den selbst diejenigen, die ihn erlebt haben, nicht vollständig begreifen, sondern lediglich erleiden konnten.
Die Isolation als eine das Subjekt zerstörende Erfahrung
Nach Lacan wird das „Subjekt“ durch die symbolische Ordnung konstituiert. „Das Subjekt entsteht, indem es als Signifikant im Symbolischen erscheint“, so Lacan [19].
Die Isolation zielt jedoch genau auf diese symbolische Ordnung ab. Durch den Entzug sensorischer Wahrnehmungen zerstört sie jene Ebene, die Lacan als symbolische Ordnung bezeichnet, und bringt den Mechanismus ins Wanken, der das Subjekt konstituiert. Ausgehend von dieser theoretischen Grundlage und den Berichten der Gefangenen lässt sich folgende Feststellung treffen:
Die Isolation erweist sich als eine Erfahrung, die das Subjekt und die Identität zerstört. Dies ist einer der Hauptgründe, warum die Isolation unverständlich und unbeschreibbar bleibt. Sie fügt dem Menschen nicht nur Schmerz zu, sondern löst auch seine Wahrnehmung und seine psychische Integrität auf.
Aus dieser Perspektive lässt sich folgende Schlussfolgerung ziehen:
Ja, die Isolation ist ein Reales. Sie lässt sich weder vollständig beschreiben noch vollständig begreifen; man kann sich ihr nur über ihre Folgen annähern. Und ja, Isolation ist Folter, und jede Kritik an ihr ist vollkommen berechtigt.
Übersetzungshinweis: Diese deutsche Übersetzung wurde unter Verwendung künstlicher Intelligenz erstellt und anschließend vom Autor überprüft, überarbeitet und freigegeben. Der Autor übernimmt die volle Verantwortung für die Richtigkeit und die endgültige Fassung der Übersetzung.
Literaturverzeichnis
Düzkan, Ayşe. 5 No’luda Neler Oldu [Was geschah in Nr. 5?] (Interview mit Yılmaz Yalçıner). https://web.archive.org/web/20120918171733/http://www.diyarbakirzindani.com/index.php?option=com_content&task=view&id=235&Itemid=34
Eren, Mustafa. Ceza İnfaz Kurumu Yönetimi El Kitabı Üzerine Bir Değerlendirme – Hapishanelere İlişkin Avrupa Kriterlerinin ve Türkiye Pratiğinin Bir Belge Üzerinden Okunması [Eine Bewertung des Handbuchs für Gefängnisverwaltung: Eine Analyse europäischer Gefängniskriterien und der Praxis in der Türkei anhand eines Dokuments]. https://mustafaeren.net/yazilar/ceza-infaz-kurumu-yonetimi-el-kitabi-uzerinde-bir-degerlendirme-hapishanelere-iliskin-avrupa-kriterlerinin-ve-turkiye-pratiginin-bir-belge-uzerinden-okunmasi/
Gençtan, Engin. İnsanın Dirimsel Gereksinmeleri Olarak Duyumsal Uyarılma ve Uyku [Sensorische Stimulation und Schlaf als vitale menschliche Bedürfnisse]. https://dergipark.org.tr/tr/pub/auebfd/article/618999
Karabey, Hüseyin. Sessiz Ölüm [Stiller Tod]. İstanbul: Metis Yayınları, Februar 2002.
Koşan, Ümit. Sessiz Ölüm [Stiller Tod]. İstanbul: Metis Yayınları, April 2000.
Kurnaz, Selami. Tecrit – Yaşayanlar Anlatıyor [Isolation – Überlebende erzählen]. İstanbul: Boran Yayınevi, August 2005.
MonoKL, Sommer 2009, Nr. VI–VII.
Şizofreni de Depresyon Olur mu [Kann Schizophrenie von Depressionen begleitet werden?]. Hürriyet, 27. April 2009. https://www.hurriyet.com.tr/kelebek/sizofreni-de-depresyon-olur-mu-11503884
Tura, Saffet Murat. Freud’dan Lacan’a Psikanaliz [Psychoanalyse von Freud bis Lacan]. İstanbul: Kanat Kitap, März 2007.
Endnoten
[1] Wikipedia (Zugriff am 16.12.2010).
[2] Bülent Somay, der an der İstanbul-Bilgi-Universität Psychoanalyse lehrt, übersetzt diese Triade vorzugsweise als das Imaginäre (muhayyel), das Symbolische und das Reale. Im folgenden Verlauf des Textes wird das Konzept des Realen in Übereinstimmung mit dieser Übersetzung großgeschrieben.
[3] J. D. Nasio, „Allgemeine Konzepte der Theorie von Jacques Lacan“, übers. v. Atakan Karakış, MonoKL, Sommer 2009, Nr. VI–VII, S. 51.
[4] Isolation (tecrit) beschreibt den Zustand, in dem Gefangene in Zellengefängnissen voneinander getrennt in Einzel- oder Kleingruppenzellen gehalten werden. Die F-Typ-Gefängnisse in der Türkei basieren auf 1- und 3-Personen-Zellen und sind auf Isolation ausgerichtet. Für weitere Details siehe den Aufsatz des Autors: Eine Bewertung des Handbuchs für Gefängnisverwaltung…
[5] Aus Ayşe Düzkans Interview mit Yılmaz Yalçıner, der während der Phase des Militärputsches vom 12. September 1980 im Gefängnis Diyarbakır inhaftiert war.
[6] J. D. Nasio, S. 49.
[7] Für die Berichte der Gefangenen zur Isolation wurden drei Bücher herangezogen: Hüseyin Karabeys und Ümit Koşans Bücher Sessiz Ölüm beinhalten Interviews mit Gefangenen aus Deutschland, Spanien, Nordirland, Italien und den USA. Selami Kurnazs Buch Tecrit – Yaşayanlar Anlatıyor dokumentiert die Erfahrungen von Gefangenen in türkischen Haftanstalten.
[8] Hüseyin Karabey, Sessiz Ölüm, İstanbul: Metis Yayınları, Februar 2002, S. 40.
[9] J. D. Nasio, S. 50.
[10] Hüseyin Karabey, S. 40.
[11] Prof. Dr. Kemal Arıkan (Spezialist für Konsiliar-Liaison-Psychiatrie am Memory Center Nöropsikiyatri Merkezi) antwortete in einem Interview auf die Frage nach den Risikofaktoren für Schizophrenie: „Der größte Risikofaktor ist die genetische Disposition. Es wird jedoch auch berichtet, dass langandauernde sensorische Isolation – also der Entzug von Reizen wie Ton, Bild etc. – zu einem schizophrenieähnlichen Krankheitsbild führen kann.“ Hürriyet, 27. April 2009.
[12] Hüseyin Karabey, S. 51.
[13] Hüseyin Karabey, S. 130–132.
[14] J. D. Nasio, S. 49.
[15] Doç. Dr. Engin Gençtan, İnsanın Dirimsel Gereksinmeleri Olarak Duyumsal Uyarılma ve Uyku (Zugriff am 16.01.2010).
[16] Ümit Koşan, Sessiz Ölüm, İstanbul: Metis Yayınları, April 2000.
[17] Beispiele für diese Experimente finden sich in Hüseyin Karabeys Buch Sessiz Ölüm.
[18] Ümit Koşan, S. 54–55.
[19] Saffet Murat Tura, Freud’dan Lacan’a Psikanaliz, İstanbul: Kanat Kitap, März 2007, S. 205.
